Unsere Volkstumsarbeit in der Slowakei – Deutsch-Proben, Kremnitz, Hochwiesen

Meine Erinnerungen an unsere Einsätze in diesen deutschen Sprachinseln der Slowakei beginnen mit dem Kennenlernen von Max-Udo Kasparek. Er, Jahrgang 1900, Schüler der Landwirtschaftsschule Leitmeritz, war in der Notzeit seiner ersten Berufsjahre Adjunkt auf ungarisch-jüdischen Gütern in der Slowakei, konnte aber später eine Wirtschaftsberatung des Deutschen Kulturverbandes für die Deutsch-Proben-Kremnitzer Sprachinsel einrichten. Er erzählte von der teilweise großen Armut in den volkreichen deutschen Dörfern; daraufhin führten die Familien des Brünner WV im Winter 1935/36 eine große Kleidersammlung durch. In unserem Hause in der Steingasse 21 wurde von fleißigen Mädeln und Müttern viele Abende, ja Tage, Kleidung instandgesetzt, geordnet und gepackt.

Während der Semesterferien Feber 1936 machte Max mich mehrere Wochen hindurch mit den Verhältnissen in der Sprachinsel bekannt. Ich sah nicht nur die ins Bergland gebetteten, eigenartig langgestreckten Waldhufendörfer, sondern bekam auch mit der dortigen Jugend Fühlung.

Die Vorfahren der Siedler waren vornehmlich als Bergleute ins Land gekommen, was in den Ortsnamen zu erkennen war, wie Fundstollen und Zeche. Deutsch-Proben selbst hatte ehemals Gold-Proben geheißen. Andere Ortsnamen endeten auf -hau: Schmiedshau, Glaserhau, Krickerhau im Zusammenhang mit der damaligen Urwaldrodung.

Im Talgrund längs des Baches zog sich die lange Straße, an der beiderseits die Hausgiebel aufgereiht waren; von dort die Berghänge hinauf die Felder, dahinter der Wald. Die alten Häuser waren noch aus vollen Stämmen gezimmerte Blockhäuser, mit Holzschindeln gedeckt und mit eigenartigen Schopfgiebeln.

Die Dörfer waren überaus volkreich, Krickerhau z.B. hatte über 7000 Einwohner und war an die 10 km lang. Durch vielfache Erbteilung waren die Felder oft zu kleinsten „Handtüchern“ zerschnitten. Das war eine arge Notlage. Ich erlebte, wie ein junger Schmiedshauer, aus Palästina zurückkehrend, berichtete, daß dort Land besiedelt werden könnte. Um ihn scharten sich an die 30 junge Männer, bereiteten die Auswanderung vor – nicht ohne vorher zu heiraten. Dieses mutige Wagnis brachte allerdings große Enttäuschung.

Landnot war überhaupt eine Ursache für schicksalentscheidende Schritte. Jeden Sommer zogen von hier Landarbeiterkolonnen nach Österreich, Ungarn und dem Deutschen Reich oder als Winzer zu Preßburger und anderen Weinbauern. Etliche hatten diese Sommereinsätze dazu genutzt, um in Ungarn Güter ausfindig zu machen, die abgewirtschaftet hatten. War so eines entdeckt, taten sich junge Familien zusammen, liehen sich zu den eigenen Ersparnissen von der Verwandtschaft Geld und kauften. Jahrelang arbeiteten und lebten sie gemeinschaftlich. Erst wenn sie aus dem Gröbsten heraus waren, teilten sie auf und bauten jeder Familie einen eigenen Bauernhof. Die schwere Aufbauarbeit ließ ihnen keine Zeit, mit ihrer Herkunftsheimat Verbindung zu pflegen. Auf sich allein gestellt ohne Hinterland, konnten sie ihr Deutschtum nicht bewahren. Schon in der Generation ihrer Kinder ging es verloren.

Ein anderes eindrucksvolles Erlebnis war eine Freundschaftsfahrt der Schmiedshauer Jugend zu den niederdeutschen Siedlern nach Tscherman. Jene begingen damals das fünfundsiebzigjährige Jubiläum ihrer Ankunft aus dem Hannoverschen und Oldenburgischen. Wir wurden überaus herzlich empfangen; die Verständigung war allerdings eigenartig und bezeichnend für das Sprachenschicksal der hierher geholten Niederdeutschen. Es war ihnen eine eigene deutsche Schule vorenthalten worden, und die Ungarn hatten vor dem 1. Weltkrieg die Schulpflicht zur rücksichtslosen Madjarisierung mißbraucht, so daß die damaligen Schüler das Schulmadjarisch untereinander als Umgangssprache behielten. Späteren Schülern wurde ähnlich das Slowakische aufgezwungen. Erst die letzten Jahrgänge, die eine Schule des Deutschen Kulturverbandes erreicht hatten, konnten Schriftdeutsch, und mit ihren Altersgefährten sprachen sie es auch. Jede Altersstufe wäre von der anderen sprachlich getrennt gewesen, wenn sie nicht das häusliche Platt zusammengehalten hätte. Die Festgäste aus Schmiedshau konnten kein Platt. Sie waren jedoch von ihren Ernteeinsätzen außerhalb ihrer Heimat anderer Sprachen mächtig, und so war dieses Fest, bei dem alle Herzen deutsch schlugen, erfüllt von den vielfältigen Lauten der Nachbarvölker. Unvergeßlich wurde auch der abendliche Tanz. Die mir bekannten Tanzformen steigerten sich zum Schlüsse im Tschardasch geradezu zur Ekstase.

Zurück zu den Deutsch-Probner Dörfern! Ihre Mundart war ganz altes Deutsch, unser W wurde noch als B gesprochen, und so hieß der Wald dr Bojt, und das Wasser hieß ’s Bossar. Schwierig war es mit den Familiennamen. Es waren so gut wie alle miteinander verwandt, und die Namen, auch die Vornamen, wiederholten sich oft, ja sogar mehrmals. Die Personen konnten nur durch ihre Spitznamen unterschieden werden. Verwirrung brachten überdies chauvinistische slowakische Pfarrer. Diese trugen z.B. den kleinen Sohn eines Deutschen namens Schreiner auf slowakisch mit Stolar ein, so daß dieses Kind, wenn es sich später ausweisen sollte, einen slowakischen Namen hatte und mit dem Vater und den älteren Geschwistern gar nicht verwandt schien.

In Hochwies wurden die Namen ganz eigenartig ausgesprochen. So hörte ich von Greguschtobires Motzbäuchl und bekam erst später heraus, daß er Gregor Tobias getauft war. (Übrigens fand dieser 1945 bei uns in Brünn Zuflucht, mit einer Gruppe, die den kommunistischen Mordbanden entkommen war.)

Hochwies hatte nur zwei Handvoll Häuser um die Kirche, aber ringsum waren die früheren Bergalmen zu Wohnplätzen geworden. Sie hießen die Stauben: Müllerstaube, Maxstaube, Waldmaxstaube ... Teilweise hatten sie über 200 Einwohner.
Von dort kamen auch die meisten Schulkinder. Einmal fragte ich einen flachsblonden Buben nach seinem Namen, da sagte er: „I bin dr Max Kleinmax von dr Waldmaxstaubn“.

Bei Lehrer Herbert Chrobok wohnte ich mehrere Tage. Er, sudetendeutscher Herkunft, entbehrte unter den viel schlichteren Sprachinselmenschen den geistigen Austausch und wurde mir sehr anhänglich.

In Hochwies, an die 3 Stunden von der nächsten Eisenbahnlinie entfernt, konnte man das Gefühl großer Verlassenheit bekommen, andererseits waren dort Dinge lebendig, die man in anderen Landschaften ganz vergeblich gesucht hätte, z.B. Truhen; diese wurden damals noch wie vor Jahrhunderten aus ungesägten, mit der Axt aus dem Baum gespaltenen und bebeilten Brettern ohne Leim und Eisennägel gefügt und in Kerbschnitt mit altertümlichen Zeichen geschmückt. Das sechsteilige Sonnenrad kehrte immer wieder, und ein ganz besonderes Ornament war die Sonnenscheibe über einem spitzen Berg. Dieses stammt womöglich von den Goten her. Diese Sonne über dem Berg ist sonst nirgends in deutschen Gauen zu finden, aber das Grabmal des Gotenkönigs Theoderich in Ravenna ist damit rundum in einem fast 40 m langen Fries geschmückt.

Die Blockhäuser hatten unter dem Schindeldach einen ganz schlichten Grundriß. In der Mitte: Eingangsflur mit Herd und einer Vorratskammer; dahinter waren links in einem durch die ganze Hausseite gehenden Raum Vieh und Geräte untergebracht, rechts war die Wohnstube, auch die ganze Hausbreite füllend. Sie war für alle, jung und alt, mit einem Bett für die Eltern, die anderen schliefen auf dem großen Ofen oder auf den an den Wänden rundum stehenden Bänken.

Über dem schweren Bauerntisch, der eine ganze Ecke ausfüllte, sah ich in der Weihnachtszeit ein Tannenbäumchen am Deckenbalken hängen, sein unteres Ende stak in einem roten Apfel, so schwebte es wie ein Lebensbaum, aus der Erdkugel wachsend. Wenn die Lichter brannten, drehte es sich leicht, und sein Glanz schien überirdisch!

Erstaunlich war, daß Hochwies mit den nur wenigen Häusern rund um die Kirche Marktrecht besaß.

Es war wohl gerade das Heu von den Wiesenhängen eingebracht, da kamen unzählige Händler mit Wagen und Kasten und stellten ihre Buden auf die freigewordenen Flächen. Anderntags strömten Tausende, von weit herkommend, hier zusammen, um alles das zu kaufen, was sie nicht selbst erzeugen konnten.

Auf den Gehöften bemühten sich unsere Mädeln auch, Säuglingspflege zu vermitteln. Der Aufenthalt war aber zu kurz, um wirklich bleibenden Erfolg zu haben.

Wirklich fruchtbar war das Singen mit der Jugend. Schani (Franz Schandera), der ein Jahr später dahin kam, erzählte, wie er von den Berghängen unsere Lieder heruntertönen hörte. In Paulisch sangen wir während des Gottesdienstes. In Hochwies spielten wir Theater.

Alles hier Geschilderte erlebte ich teils als Vorreiter allein, teils bei unserem WV-Einsatz im Sommer und während des darauffolgenden großen Winterlagers in Hochwies 1936/37.

Im Sommer 1936 waren mit dabei: Roderich Manlik, Toni Edinger, Rudl Prochaska, Karl Beschorner, Raimund Lefenda, Adele Sapper, Hella Theimer, Gerti Singule, Adi Killian (Troppau), Rolf Kosetschek/Kremser und in nachbarlicher Zusammenarbeit eine Wiener Mädchengruppe.

Ernest Potuczek-Lindenthal
entnommen dem Buch Brünner Wandervogel – Geschichte und Darstellung, Waldkraiburg 1985